Forschungsinstitut für Nachhaltigkeit Helmholtz-Zentrum Potsdam

Die Siemens-Nigeria-Partnerschaft für eine Roadmap zur Elektrifizierung – eine Zweijahres-Bilanz

21.09.2021

Unterzeichnung der Vereinbarung zur Umsetzung der Roadmap zur Elektrifizierung Nigerias in Abuja. Von links nach rechts: Onyeche Tifase, CEO Siemens Nigeria, Alex Okoh, Director General des Bureau of Public Enterprises, Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG und Regine Hess, stellvertretende Botschafterin Deutschlands in Nigeria.
Unterzeichnung der Vereinbarung zur Umsetzung der Roadmap zur Elektrifizierung Nigerias in Abuja, in Anwesenheit von Präsident Muhammadu Buhari. Von links nach rechts: Onyeche Tifase, CEO Siemens Nigeria, Alex Okoh, Director General des Bureau of Public Enterprises, Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG und Regine Hess, stellvertretende Botschafterin Deutschlands in Nigeria.

Obwohl Nigeria seit mehr als einem Jahrhundert kommerzielle Strommengen produziert, entwickelt sich die Strominfrastruktur des Landes nur langsam und unzureichend, und die Stromversorgungskette ist immer noch sehr ineffizient. Nur etwa 57 Prozent der Bevölkerung des Landes haben Zugang zum Stromnetz, so dass 43 Prozent (85 Millionen Nigerianerinnen und Nigerianer) ohne Strom sind. Die installierte Gesamterzeugungskapazität liegt derzeit bei etwa 13.500 MW, aber aufgrund ineffizienter Übertragungs- und Verteilungsnetze erreichen durchschnittlich nur rund 3.700 MW zuverlässig die Verbraucherinnen und Verbraucher. Der Gesamtstrombedarf Nigerias wächst jedoch und erfordert bis 2035 etwa 63.000 MW Versorgungskapazität zusätzlich.

Um diese Herausforderung anzugehen, haben die nigerianische Regierung und die Siemens AG haben 2019 eine Roadmap zur Elektrifizierung des Landes (Nigeria Electrification Roadmap, kurz NER), auch bekannt als Presidential Power Initiative (PPI), unterzeichnet. Die Roadmap enthält technische und kommerzielle Vorschläge zur Finanzierung, Umsetzung und Durchführung von Projekten, um den nigerianischen Stromsektor zu beleben und den künftigen Strombedarf Nigerias zu managen.

Die NER ist in drei Phasen gegliedert, die über sechs Jahre bis 2025 durchgeführt werden.

  • Phase 1 (bis 2021): Durchführung von Projekten mit rascher Wirkung zur Verbesserung der Kapazität des bestehenden Netzes, um die nicht genutzte Stromerzeugungskapazität zu nutzen, was zu einer Gesamterhöhung der operativen Stromkapazität von derzeit 5 GW auf 7 GW führt.
  • Phase 2 (bis 2023): Beseitigung von Engpässen im Verteilnetz und Ausbau des Netzes zur weiteren Maximierung der Nutzung der derzeitigen Erzeugungskapazitäten, um eine Gesamtkapazität von 11 GW zu erreichen.
  • Phase 3 (bis 2025): Aufbau neuer Erzeugungssysteme bei gleichzeitiger Modernisierung und Erweiterung der nationalen Übertragungs- und Verteilungssysteme, um eine Gesamtbetriebskapazität von 25 GW zu erreichen.
The NER target by 2025
The NER target by 2025

Die NER hat bisher gute Fortschritte gemacht…

Festlegung einer Finanzstruktur. Die Kosten für die nigerianische Roadmap zur Elektrifizierung werden auf insgesamt rund 1,15 Billionen N (3,11 Mrd. EUR) geschätzt. Alle Anteilseigner haben sich 2020 wie folgt geeinigt:

      85 % dieser Mittel werden von einem Bankenkonsortium bereitgestellt und von der deutschen Regierung über die Kreditversicherungsgesellschaft Euler Hermes garantiert.

      15 % werden von der nigerianischen Regierung als Gegenfinanzierung mit einem Moratorium von 2 bis 3 Jahren und einer Rückzahlungsfrist von 10 bis 12 Jahren zu vergünstigten Zinssätzen bereitgestellt.

Um die Gegenfinanzierung zu ermöglichen, genehmigte die Regierung erste Offshore- und Onshore-Zahlungen in Höhe von 6,940 Mrd. N (15,21 Mio. €) bzw. 1,708 Mrd. N (3,74 Mio. €).

Gesicherte politische Dauerhaftigkeit. Die nigerianische Regierung hat eine Zweckgesellschaft und ein Projektmanagementbüro eingerichtet, um die Nachhaltigkeit der Roadmap über politische Veränderungen hinweg zu gewährleisten. Diese Strukturen beschränken absichtlich die Rolle der Regierung bei den politischen Leitlinien und der Überwachung, um eine mögliche Einmischung der Regierung zu minimieren.

Ausgehandeltes Design. Anfang 2021 unterzeichneten die nigerianische Regierung und Siemens einen Vertrag über die Pre-Engineering-Aspekte der Roadmap, in dem das Design, die Projektspezifikationen, die Inbetriebnahme von T&D-Systemen, Netzentwicklungsstudien, Stromsimulationen und Schulungsunterstützungsdienste festgelegt wurden.

…aber es gibt auch einige Herausforderungen

Informations- und institutionelle Engpässe. Bürokratische Engpässe innerhalb der Energieversorgungsunternehmen, die die Bereitstellung von Daten und den Zugang zu den Netzen erschweren, können in Phase 1 eine Herausforderung darstellen.

Langsame Fortschritte bei Messsystemen. Der bisher langsame Fortschritt des landesweiten Zählersystems könnte die Pläne zur Einführung einer zentralen Computerumgebung für intelligente Zähler sowohl für Betreiber als auch für Kunden verzögern

Erleichterung der Kapitalrückgewinnung. Die Effizienz der nigerianischen Stromversorgungsbranche bei der Rückgewinnung des investierten Kapitals hängt letztendlich von der erfolgreichen Umsetzung der kosten- und dienstleistungsorientierten Multi-Year Tariff Order (MYTO) ab.

Aufrechterhaltung eines fairen und transparenten Beschaffungsprozesses. Die Verpflichtung zu einer fairen und offenen Beschaffungspolitik ist entscheidend für die Integration lokaler Inhalte, die Senkung der Kosten und die Ausrichtung auf die tatsächlichen Bedürfnisse des Sektors.

Fazit

Der ehrgeizige Plan der NER zur Behebung der kritischen Infrastrukturdefizite im nigerianischen Stromsektor weckt Hoffnungen auf eine Belebung aller sozioökonomischen Sektoren und Ebenen des Landes. Die NER soll dazu beitragen, technische und kommerzielle Ineffizienzen entlang der Wertschöpfungskette der Elektrizität zu beseitigen und so jährliche Verluste in Höhe von über 1 Milliarde Dollar zu vermeiden. Die NER könnte auch neue technische Fähigkeiten fördern und den Wissenstransfer erleichtern, der zur Belebung mehrerer anderer Sektoren beitragen könnte, da die Politik zur Einbeziehung lokaler Inhalte nigerianischen Unternehmen die Möglichkeit gibt, durch die Durchführung von Erhebungen, Modellierung sowie die Lieferung von Zählern einen Beitrag zu leisten.

Die Tatsache, dass die Siemens AG eine ähnliche Roadmap in Ägypten durchgeführt hat, sowie ihr internationaler Ruf bei der Entwicklung des Energiesektors geben eine gewisse Sicherheit, dass die NER realisierbar ist. Es ist jedoch unklar, ob Nigeria die Roadmap in dem geplanten Zeitrahmen erreichen wird, insbesondere angesichts der vielen möglichen Komplikationen der Covid-19-Pandemie.

Eine Version dieses Artikels erschien als Memo im Energy for Growth Hub.

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